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Tagebuch


  


Demo zum Brand der Lübecker Synagoge am 24. / 25. März 1994


Lübeck - 5 Minuten vor 12 - alle Räder stehen still.
Über die engen Straßen der Innenstadt donnern Hubschrauber.
Auf dem Marktplatz pfeift der Wind aus allen vier Himmelsrichtungen.
Über Köpfe hinweg eine Frauenstimme - unsere Minister-Präsidentin.
Dann eine Männerstimme - der Bürgermeister. Wir stehen da,
treten frierend von einem Fuß auf den andern.
Der Aufruf, sich dem Demonstrationszug anzuschließen. Einfädeln,
Ausscheren, Warten. Ich gehe nur sehr zögernd mit.
Zu Anfang bleibe ich mehr am Rand, in der Hoffnung, jederzeit links
oder rechts abbiegen zu können.
Mir ist kalt. Lieber verkröche ich mich zu Hause hinter meinen Büchern.
Doch irgendetwas hält mich in dieser Gruppe fest. Ich möchte nicht zu
denen gehören, die eines Tages erwachen und behaupten, sie hätten
von alledem nichts gewusst.
Der Lautsprecher-Wagen hängt uns an den Fersen, überholt uns.
Surrende Kameras, in den Wind gehaltene Mikrofone.
In den Kurven gerät der Zug aus der Bahn. Weiter vorn quäkt eine Stimme.
Der Menge ist in beiden Richtungen nicht mehr zu überblicken.
Ich bin hungrig, der Rücken schmerzt. Doch ich habe mich entschieden
und laufe weiter. Vor dem Koberg nehme ich die Abkürzung über den
Jakobi-Kirchhof und lande in den vordersten Reihen.
Schüler, Studenten. Transparente, Trillerpfeifen.
Die Ohren werden mir noch tagelang nachklingen.
Ich fühle mich allen Menschen rundum verbunden.

Am Straßenrand viele Gaffer. Schülerkommentare von links und rechts:
Immer nur wir Jungen... Warum laufen die da nicht mit... Stehen da und
glotzen.... Aber co-op macht gleich dicht... Das ist wichtiger...
In die Sankt-Annen-Straße müssen wir uns einfädeln. Schweigen.
Hinter den Fensterscheiben der Synagoge ein paar helle Gesichter.
Was mögen diese Menschen denken? Vielleicht haben sie Angst vor uns!
Weiß ich denn, an welche Vorkommnisse in ihrem Leben sie
zurückdenken beim Anblick solch eines Menschenauflaufs?

Ich lehne mich an die Mauer, lass die schweigende Menge an mir
vorbeiziehen. Ein paar Minuten der Besinnung.

Am Abend klärt sich die Sache mit dem Hubschrauberlärm auf.
Titel der ZDF-Sendung: Lübeck, eine Stadt hält den Atem an!
Und das Fernsehen kreist schonungslos oben drüber.

© Karin Rohner 1994


   
 
Inhalt:

1. Moorechse

2. Der Wald

3. Demo

4. Berlin






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