Gedanken beim Apfelschneiden
Wenn Du wüsstest, wie schön Deine Äpfel in
diesem Herbst sind, liebe Freundin:
handlich klein, dunkelrot, mit goldenen Sternchen
übersät, goldrichtig, um sie an
den Weihnachtsbaum zu hängen. Und für diesen
festlichen Anlass hattest Du sie
aufgehoben, damals, vor über fünfzehn Jahren, als wir
uns kennenlernten.
Wie ich zu Deinen Äpfeln komme? Heute nach dem
großen Sturm machte ich
meinen abendlichen Spaziergang an Deinem Haus vorbei. Der Apfelbaum in
Deinem Garten, dessen Krone mittlerweile bis weit in die
Straße hineinragt,
obwohl entblättert, hängt er voller Sternrenetten,
und gut ein Dutzend dieser
prächtigen Früchte hatte der Wind auf den Asphalt
geschleudert. Kein Wunder,
dass jeder Apfel eine Beule hat. Neben ein paar Amseln aus der
Nachbarschaft,
schien niemand außer mir Deine Weihnachtsäpfel zu
schätzen.
Gestern habe ich Deine Tochter gesehen. Sie tuckerte auf ihrem Moped an
mir
vorbei und mir fiel ein, dass sie ja auch schon neunzehn Jahre alt ist,
genau wie
mein Sohn. Interessiert es Dich, wie sie heute lebt und wie sie die
vergangenen
Jahre ohne Dich überstanden hat?
Ich schneide Deine Äpfel in mundgerechte Viertel,
genieße den Duft ihres weißen,
rot geäderten Fruchtfleisches und löse die prallen,
dunkelbraunen Kerne aus ihrem
Gehäuse, die Koko, mein Papagei, so gern knackt.
Seinetwegen habe ich die Früchte mitgenommen, was Du mir dort,
wo Du jetzt
bist, hoffentlich nicht übelnehmen wirst.
© Karin Rohner /
Veröffentlicht in "der literat" 12 / Dez. 1989
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