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Die Kleine Wasserfrau
(Fortsetzung)
Auf einem dieser Ausflüge passierte es dann. Sie befand sich
auf dem Weg
zum Meer, in Höhe unserer alten Stadt. Selbst unter Wasser
merkte sie,
dass hier etwas Besonderes geschah. Sie tauchte auf und horchte. Ein
Prickeln befiel sie. Wir Menschen würden es Neugierde nennen.
Wenige hundert Meter trennten sie vom Ort des Geschehens. Ganz in
der Nähe musste ein geheimer Wasserarm münden, der
den Fluss mit
dem Marktbrunnen verband. Sie brauchte eine halbe Stunde, bevor sie
den Durchschlupf fand und zwängte sich in die enge
Röhre. Der Gang war beinahe zugewachsen. Keuchend erreichte
sie den Fuß des alten
Brunnens.
Hier unten staute sich das Wasser. Sie konnte sich vom
gröbsten Schlick
befreien, bevor sie den Weg nach oben antrat. Die Eisenbügel
im
Brunnenschacht fühlten sich rauh und brüchig an,
hielten aber dem Gewicht
der kleinen Nixe stand.
Sie schob ein paar morsche Bohlen zur Seite und reckte den Hals, um
über
den Brunnenrand zu schauen.
Da erblickte sie die vielen Menschen. Frauen, Männer, Kinder,
mit
Schildern, Transparenten und in den merkwürdigsten
Verkleidungen.
"Wir müssen endlich damit aufhören, unsere Felder zu
überdüngen!", rief
eine Frau, die auf einer Holzkiste stand.
"Und dann der hohe Verbrauch an
Schädlingsbekämpfungsmitteln! Wem
nützt er? Dem Hersteller! Allen anderen fügt er nur
Schaden zu. Den
Tieren in Wald und Feld. Euch, euren Kindern und Enkeln.
Sämtliche
Gifte gelangen in Flüsse, Seen und ins Meer. Im Grundwasser
treffen sich
alle wieder. Aus welchem Brunnen sollen unsere Nachkommen einmal
trinken?"
Die einzelnen Kostüme wusste die kleine Wasserfrau nicht zu
deuten.
Nur eins kam ihr bekannt vor. Hatte sich doch ein Menschenkind als
Meerjungfrau verkleidet und trug ein Schild vor der Brust, mit der
Aufschrift: "Auch ich möchte leben!"
Da fiel es der kleinen Wasserfrau wie Schuppen von den Augen. "Schluss
mit der dummen Singerei!", rief sie. "Das konnten andere vor mir viel
besser! Und die ständige Kämmerei ist auch
für die Katz! Ein Prinz kommt
hier nicht vorbei."
Sie warf ihr altes Schuppenkleid ab, tauschte die nutzlose
Schwanzflosse gegen ein Paar schlanke Beine ein, flocht und wob
sich ein Kleid aus Green Cotten und zog hinfort als Abgesandte von
Green Peace durch die Lande.
Zu Anfang schmerzten sie die neuen Beine noch; doch fiel ihr das
Laufen von Tag zu Tag weniger schwer, da sie nicht den
Spuren eines Märchenprinzen folgte, sondern ihren eigenen Weg
ging.
Seit jenem Tag ist ihr Platz an der Travequelle verwaist. Doch hat
das außer mir noch keiner bemerkt.
Veröffentlicht im Jahrbuch
für Schleswig-
Holstein 1995 und in der Zimtzicke Dez. 1993
© Karin Rohner 2003
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