LiebesgedichteLiebesgedichte

Eine Liste der schönsten Gedichte über Meer & See - Klassiker als auch moderne; sowohl kurz als auch lang - und manche sind auch lustig.

Ausblick aufs Meer

Wellen kommen und ziehn
ihren unendlichen Weg.
Einsam auf einsamen Steg
Bannt mich ihr ewiges Fliehn.

Nichts wo die Sehnsucht sich ruht.
Mast nicht noch Segel zu sehn.
Nur auf unsterblichen Zehn
regt sich die endlose Flut.

Leise sinkt es hinab:
Kaum noch sich selber verwandt
flüchtet mein Herz sich vom Land
weit in das tanzende Grab.

Stürze, sink ich ihm nach?
Wellen, hebt es im Schoß.
Meer, o Meer, du bist groß.
Sei ihm ein gnädig Gemach.

Einmal noch reckt sich’s empor
wie in der Ferne ein Haupt.
Und dann steh ich beraubt
Vor dem unendlichen Tor.

Reigen auf Reigen versinkt.
Wasser verlassen den Strand.
In ein unsichtbares Land
hab ich ihm Abschied gewinkt.

Rudolf G. Binding (1867 - 1938)

Oft erleiden wir Schiffbruch ohne unterzugehen,
oft stürzen wir von Klippen, ohne zu zerschellen,
oft öffnet sich die Erde ohne uns zu verschlingen,
oft fängt uns der Engel auf ohne dass wir danken.

Gisela Gräfin zu Solms-Wildenfels

Am Meer

Wie ist dir nun,
meine Seele?
Von allen Märkten
des Lebens fern,
darfst du nun ganz
dein selbst genießen.

Keine Frage
von Menschenlippen
fordert Antwort.
Keine Rede
noch Gegenrede
macht dich gemein.
Nur mit Himmel und Erde
hältst du
einsame Zwiesprach.
Und am liebsten
befreist du
dein stilles Glück,
dein stilles Weh
in wortlosen Liedern.

Wie ist dir nun,
meine Seele?
Von allen Märkten
des Lebens fern
darfst du nun ganz
dein selbst genießen.

Christian Morgenstern (1871 - 1914)

Vorgefühl

Ich bin wie eine Fahne von Fernen umgeben.
Ich ahne die Winde, die kommen, und muss sie leben,
während die Dinge unten sich noch nicht rühren:
die Türen schließen noch sanft, und in den Kaminen ist Stille;
die Fenster zittern noch nicht, und der Staub ist noch schwer.

Da weiß ich die Stürme schon und bin erregt wie das Meer.
Und breite mich aus und falle in mich hinein
und werfe mich ab und bin ganz allein
in dem großen Sturm.

Rainer Maria Rilke, Herbst 1904, Schweden

Das Meer

Hast du nie das Meer gesehen,
Freund, so warst du noch nicht weit;
Irdisch bleiben Tal und Höhen,
Meer ist Bild der Ewigkeit.

Hoch vom Felsenstrande schaute
Ich ins Wasserreich hinaus;
Stand die ganze Nacht; es graute
Mir wie vor des Todes Graus.

Als das Morgenrot erglühte,
Nahm ich freudig einen Kahn,
Ich empfahl mich Gottes Güte
Und betrat die tiefe Bahn.

Könnt' ich fahren ohne Ende
Über weiten Meeresschoß!
Nimmer fühlt' ich Gottes Hände
Mir so nah, sein Werk so groß.

Heinrich Bone (1813 - 1893); Aus der Sammlung "Gemischtes aus dem Leben und der Natur"


Die narkotisierende und erregende Wirkung sowohl des Meeres wie der Musik Richard Wagners erlebte ich - und erlebe sie noch - in der Art eines Kindes oder eines Musikliebhabers um 1900, meine größten Gefühle gehören immer dem Meer oder dem ersten Akt der Walküre und gewissen Liedern der Romantik … das Meer und die Musik, dergestalt ist unsere vorübergehende Ewigkeit…

Ariel Denis: 'Récital. Une interprétation' (2002)


Ich möchte Leuchtturm sein
in Nacht und Wind -
für Dorsch und Stint,
für jedes Boot -
und ich bin doch selbst
ein Schiff in Not!

Wolfgang Borchert


Weitere schöne Gedichte über die Themen Meer, See und Insel:

Kleine Wassertropfen,
kleine Sandkörnchen bilden
den mächtigen Ozean und das schöne Land.

Die kleinen Minuten,
so bescheiden sie auch erscheinen,
ergeben die mächtigen Zeitalter der Ewigkeit.

Kleine freundliche Taten,
kleine Worte der Liebe machen
aus unserer Erde ein Paradies,
dem Himmel gleich.

Julia Abigail Fletcher Carney (1823 - 1908)


Mein Leben ist wie leise See:
Wohnt in den Uferhäusern das Weh,
wagt sich nicht aus den Höfen.
Nur manchmal zittert ein Nahn und Fliehn:
Aufgestörte Wünsche ziehn
Darüber wie silberne Möwen.

Und dann ist alles wieder still. . .
Und weißt du was mein Leben will,
hast du es schon verstanden?
Wie eine Welle im Morgenmeer
Will es, rauschend und muschelschwer,
An deiner Seele landen.

Rainer Maria Rilke


Wenn meine Stimme an Land stirbt,
bringt sie hinunter ans Meer
und laßt sie mir am Strande.

Bringt sie hinunter ans Meer
und ernennt sie zum Kapitän
auf einem weißen Kriegsschiff.

Oh, meine Stimme mit dem
großen Seemannsorden!
Über dem Herzen ein Anker
und über dem Anker ein Stern
und über dem Stern der Wind
und über dem Wind das Segel!

Rafael Alberti


Mein Leben ist wie leise See:
Wohnt in den Uferhäusern das Weh,
wagt sich nicht aus den Höfen.
Nur manchmal zittert ein Nahn und Fliehn:
Aufgestörte Wünsche ziehn
Darüber wie silberne Möwen.

Und dann ist alles wieder still. . .
Und weißt du was mein Leben will,
hast du es schon verstanden?
Wie eine Welle im Morgenmeer
Will es, rauschend und muschelschwer,
An deiner Seele landen.

Rainer Maria Rilke

Klarer Tag

Der Himmel leuchtet aus dem Meer;
ich geh und leuchte still wie er.

Und viele Menschen gehn wie ich,
sie leuchten alle still für sich.

Zuweilen scheint nur Licht zu gehn
und durch die Stille hinzuwehn.

Ein Lüftchen haucht den Strand entlang:
o wundervoller Müßiggang.

Richard Dehmel

Cora am Meer

Sie steht an meinem heimatlichen Strand
Und schaut ins brausende Getös' der Wogen,
Da wo ich schon als Knab' so gerne stand,
Wenn ich der Schule ernstem Zwang entflogen,
Ja, wo mich auch das Jünglingsalter fand,
Als ich aus jenem Kriegesstreit gezogen.
Dort schlafen an dem Strand in Meeresschäumen
So viel Gedanken und so buntes Träumen.

O liebe Wogen, tut ihr nichts zu Leid',
Wenn sie den zarten Fuß setzt ans Gestade;
Du böser Meergott, sei nicht so voll Neid,
Führ' sie nicht mit die feuchten Wasserpfade.
Und wenn sie dann Dir ganz enthüllt sich beut,
In die kristall'ne Flut sich taucht im Bade,
So schaukle sie mit sanftem Wogenarme,
Doch hörst Du, tu' der Lieben nichts zum Harme.

Heinrich Beitzke

Beim Ankerlichten

Wenn sich dem Port das Schiff entwand,
Das Menschen trägt an fernen Strand,
Dann sprechen, die am Hafen steh‘n:
„Ob jemals wir sie wiederseh‘n“?

Und die da sind an Schiffes Bord,
Zieh‘n mit der andern Frage fort:
„Sind bei der Heimkehr einst noch da,
Die eben unser Auge sah“?

Unbekannt


Ich liebe das Meer, wie meine Seele. Oft wird mir sogar zumute, als sei das Meer eigentlich meine Seele selbst; und wie es im Meere verborgene Wasserpflanzen gibt, die nur im Augenblick des Aufblühens an dessen Oberfläche heraufschwimmen, und im Augenblick des Verblühens wieder hinabtauchen: so kommen zuweilen auch wunderbare Blumenbilder heraufgeschwommen aus der Tiefe meiner Seele, und duften und leuchten und verschwinden wieder. [Heinrich Heine; Reisebilder]


Es ist wieder Abend. Die See geht sehr hoch. Sie bahnt sich einen Weg, schäumt auf und über. Umarmt die Felsen und wirft sich auf sie […]. Über dem Berg ein hellblauer Himmel, der wie das Innere einer nassen Muschel glänzt. [Katherine Mansfield]

Gar besonders wunderbar wird mir zumute, wenn ich allein in der Dämmerung am Strande wandle – hinter mir flache Dünen, vor mir das wogende Meer, über mir der Himmel wie eine riesige Kristallkuppel – ich erscheine mir dann selbst sehr ameisenklein, und dennoch dehnt sich meine Seele so weltenweit. [Heinrich Heine; Reisebilder]

Unruhe

Ich will hier ein wenig ruhn am Strande.
Sonnenstrahlen spielen auf dem Meere.
Seh ich doch der Wimpel weiße Heere.
Viele Schiffe ziehn zum fernen Lande.

Oh, ich möchte wie ein Vogel fliehen!
Mit den hellen Wimpeln möcht ich ziehen!
Weit, o weit, wo noch kein Fußtritt schallte,
Keines Menschen Stimme wiederhallte,
Noch kein Schiff durchschnitt die flüchtige Bahn!

Und noch weiter, endlos, ewig neu
Mich durch fremde Schöpfungen, voll Lust,
Hinzuschwingen fessellos und frei!
Oh, das pocht, das glüht in meiner Brust!
Rastlos treibts mich um im engen Leben.
Freiheit heißt der Seele banges Streben,
Und im Busen tönts Unendlichkeit!

Fesseln will man mich am eignen Herde!
Meine Sehnsucht nennt man Wahn und Traum.
Und mein Herz, dies kleine Klümpchen Erde,
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum!

Doch stille, still, mein töricht Herz!
Willst vergebens du dich sehnen?
Aus lauter Vergeblichkeit hadernde Tränen
Ewig vergießen in fruchtlosem Schmerz?
Sei ruhig, Herz, und lerne dich bescheiden.

So will ich heim vom feuchten Strande kehren.
Hier zu weilen, tut nicht wohl.
Meine Träume drücken schwer mich nieder.
Und die alte Unruh kehret wieder.
Ich muß heim vom feuchten Strande kehren.
Wandrer auf den Wogen, fahret wohl!

Fesseln will man uns am eignen Herde!
Unsre Sehnsucht nennt man Wahn und Traum
Und das Herz, dies kleine Klümpchen Erde
Hat doch für die ganze Schöpfung Raum!

Annette von Droste-Hülshoff

Meeres Stille

Tiefe Stille herrscht im Wasser,
Ohne Regung ruht das Meer,
Und bekümmert sieht der Schiffer
Glatte Fläche ringsumher.

Keine Luft von keiner Seite!
Todesstille fürchterlich!
In der ungeheuern Weite
Reget keine Welle sich.

Johann Wolfgang von Goethe

Im Waldgehege

Das braust und stöhnt im Waldgehege,
Es kracht der Baum, die Wolken weh'n;
Ich gehe schweigend meine Wege –
Ich hab's gelernt, im Sturm zu geh'n.

Die Wogen sprüh'n empor, die weißen,
Der See heult und der Nordwind brüllt.
Sturm, willst du mir vom Herzen reißen
Auch noch das Lied, das mich erfüllt?

Ich geb' dir's nicht, – ich press' die Arme
Um dies gequälte, volle Herz,
Erbarmungsloser Sturm, erbarme
Dich meiner! – Laß mir meinen Schmerz!

Karl Stieler (1842 - 1885)


Das Meer erstrahlt im Sonnenschein,
Als ob es golden wär.
Ihr Brüder, wenn ich sterbe,
Versenkt mich in das Meer.

Hab immer das Meer so liebgehabt,
Es hat mit sanfter Flut
So oft mein Herz gekühlet;
Wir waren einander gut.

Heinrich Heine

Wenn es Winter wird

Der See hat eine Haut bekommen,
so dass man fast drauf gehen kann,
und kommt ein großer Fisch geschwommen,
so stößt er mit der Nase an.
Und nimmst du einen Kieselstein
und wirfst ihn drauf, so macht es klirr
und titscher - titscher - titscher - dirr …
Heißa, du lustiger Kieselstein!
Er zwitschert wie ein Vögelein
und tut als wie ein Schwälblein fliegen -
doch endlich bleibt mein Kieselstein
ganz weit, ganz weit auf dem See draußen liegen.

Da kommen die Fische haufenweis
und schaun durch das klare Fenster von Eis
und denken, der Stein wär etwas zum Essen;
doch sosehr sie die Nase ans Eis auch pressen,
das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt,
sie machen sich nur die Nasen kalt.
Aber bald, aber bald
werden wir selbst auf eignen Sohlen
hinausgehn können und den Stein wiederholen.

Christian Morgenstern

Bei Nacht

Nachts, wenn das Meer mich wiegt
Und bleicher Sternenglanz
Auf seinen weiten Wellen liegt,
Dann löse ich mich ganz
Von allem Tun und aller Liebe los
Und stehe still und atme bloß
Allein, allein vom Meer gewiegt,
Das still und kalt mit tausend Lichtern liegt.

Dann muss ich meiner Freunde denken
Und meinen Blick in ihre Blicke senken,
Und frage jeden still allein:
"Bist du noch mein?
Ist dir mein Leid ein Leid? Mein Tod ein Tod?
Fühlst du von meiner Liebe, in meiner Not
Nur einen Hauch, nur einen Widerhall?"

Und ruhig blickt und schweigt das Meer
Und lächelt: Nein.
Und nirgendwo kommt Gruß und Antwort her.

Hermann Hesse

Der See

In meinen jungen Jahren trieb
Mich Sehnsucht oft an einen Ort,
Der mich gebannt hielt wie ein Hort.
So war die Einsamkeit mir lieb
Von einem See, um dessen Rand
Ein schwarzes Felsgemäuer stand.

Doch wenn die Nacht ihr Bahrtuch warf
Auf diese Stelle und auf mich,
Und mystisch durch die Wellen strich
Der Wind, bald klagend und bald scharf,
Dann – ja – erschreckte mich oft jäh
Die Einsamkeit am dunklen See.

Doch dieser Schrecken war nicht Grau'n;
Nein, eine Lust, die Schauer barg,
So zitternd und dämonisch stark,
Wie sie in unterirdischen Gau'n
Der spüren mag, der einen Schein
Erhascht von flimmerndem Gestein.

Tod war um jenen giftigen Strand –
Und in der Flut ein Grab für ihn,
Der dort für seine Phantasien
Besänftigende Tröstung fand
Und den sein Träumen wandeln hieß
Das finstre Reich zum Paradies.

Edgar Allan Poe

Die Stadt

Am grauen Strand, am grauen Meer
Und seitab liegt die Stadt;
Der Nebel drückt die Dächer schwer,
Und durch die Stille braust das Meer
Eintönig um die Stadt.

Es rauscht kein Wald, es schlägt im Mai
Kein Vogel ohn Unterlaß;
Die Wandergans mit hartem Schrei
Nur fliegt in Herbstesnacht vorbei,
Am Strande weht das Gras.

Doch hängt mein ganzes Herz an dir,
Du graue Stadt am Meer;
Der Jugend Zauber für und für
Ruht lächelnd doch auf dir, auf dir,
Du graue Stadt am Meer.

Theodor Storm

Die singende Muschel

Als Kind sang eine Muschel
mir das Meer.
Ich konnte träumelang
an ihrem kühlen Munde lauschen.
Und meine Sehnsucht wuchs
und blühte schwer,
und stellte Wünsche und Gestalten
in das ferne Rauschen.

Francisca Stoecklin


Wenn bange, unruhige und böse Gedanken kommen, so gehe ich ans Meer, und das Meer übertönt sie mit seinen großen, weiten Geräuschen, reinigt mich mit seinem Lärm und legt einen Rhythmus allem in mir auf, was verstört und verwirrt ist. [Rainer Maria Rilke]


Still ruht der See, die Vöglein schlafen
ein Flüstern nur, du hörst es kaum
Der Abend naht, nun senkt sich nieder
auf die Natur ein süßer Traum

Still ruht der See, durch das Gezweige
der heilge Odem Gottes weht
Die Blümlein an dem Seegestade
sie sprechen fromm ihr Nachtgebet

Still ruht der See, vom Himmelsdome
die Sterne friedsam niedersehn.
O Menschenherz, gib dich zufrieden
auch du, auch du wirst schlafen gehn

Heinrich Pfeil (1879 - 1918)


Von Perlen baut sich eine Brücke
Hoch über einen grauen See,
Sie baut sich auf im Augenblicke,
Und schwindelnd steigt sie in die Höh.

Der höchsten Schiffe höchste Masten
Ziehn unter ihrem Bogen hin,
Sie selber trug noch keine Lasten
Und scheint, wenn du ihr nahst, zu fliehn.

Sie wird erst mit dem Strom, und schwindet,
Sowie des Wassers Flut versiegt.
So sprich, wo sich die Brücke findet,
Und wer sie künstlich hat gefügt?

 

Diese Brücke, die von Perlen sich erbaut,
Sich glänzend hebt und in die Lüfte gründet,
Die mit dem Strom erst wird und mit dem Strome schwindet
Und über die kein Wandrer noch gezogen,
Am Himmel siehst du sie, sie heißt – der Regenbogen.

Friedrich Schiller


Das Meer erglänzte weit hinaus,
Im letzten Abendscheine;
Wir saßen am einsamen Fischerhaus,
Wir saßen stumm und alleine.

Der Nebel stieg, das Wasser schwoll,
Die Möwe flog hin und wieder;
Aus deinen Augen, liebevoll,
Fielen die Tränen nieder.

Ich sah sie fallen auf deine Hand,
Und bin aufs Knie gesunken;
Ich hab von deiner weißen Hand
Die Tränen fortgetrunken.

Seit jener Stunde verzehrt sich mein Leib,
Die Seele stirbt vor Sehnen; -
Mich hat das unglückselge Weib
Vergiftet mit ihren Tränen.

Heinrich Heine


Wenn die Wellen über
mir zusammenschlagen,
dann tauche ich hinab,
um nach Perlen zu fischen.

Mascha Kaléko


Man sagt, dass ein Fluss vor Angst zittert, bevor er ins Meer fließt. Er blickt zurück auf den Weg, den er zurückgelegt hat, auf die Berggipfel und den langen kurvenreichen Weg durch Wälder und Dörfer. Und vor sich sieht er einen Ozean, der so groß ist, dass das Eindringen in ihn wie nichts anderes erscheint, als für immer verschwinden zu müssen.
Aber es gibt keinen anderen Weg. Der Fluss kann nicht zurückfliessen.Niemand kann zurückgehen. Es gibt kein Zurück in der Existenz. Der Fluss muss das Risiko eingehen, in den Ozean zu fliessen… denn nur dann wird die Angst verschwinden, denn dann weiß der Fluss, dass er nicht im Meer verschwindet, sondern zum Ozean wird.

Khalil Gibran (1883 - 1931)

Suedlicher Strand: See

Fern liegt die heimat noch als schwarze wüste
Vergessen hinter schneebestreuter wehr…
Kein laut von dort der nicht vergeblich grüsste!
Die wunderwelt verlockt uns noch zu sehr.

Starr-hohe fichten sanftere oliven
Im garten den ein kühler glanz durchloht –
Noch wartet drunten auf den glatten tiefen
Aus saphir unser gelbbeschwingtes boot

In dieser luft von weihrauch und von rosen
Wo selbst der strenge Fürst des Endes leicht
Als sei er nur der spender von almosen
Mit einem lächeln durch die lande schleicht.

Stefan George

Stadt am See

(Konstanz)

Schon fern, in dämmernder Verschönung
Die ernste Linie einer deutschen Stadt,
Geschmiegt in Wolken von so zarter Tönung,
Wie sie allein der Juniabend hat.

Im Uferpark Musik aus dunklen Lauben,
Ein Lied: kennst du das alte Lied nicht mehr?
So lieb, so trüb wie Saft aus schweren Trauben
Ganz langsam quillt das Lied die Wellen her.

Da klingt dein Herz, als ob es Heimweh hätte,
Und sieht doch diese Stadt zum erstenmal,
Zum erstenmal die dunkle Silhouette,
Die schleiernd tränt im fahlen Mondenstrahl.

Stefan Zweig

Schifferlied

Es löscht das Meer die Sonne aus,
kühlendes Mondlicht ist erwacht.
Der gold'ne Adler lässt sein Haus
müde dem Silberschwan in der Nacht.
Flüsternd am Kahne glitzt der Brandung Lauf,
leise der Wind die Saiten rührt,
die Liebe zieht ihr Segel auf,
Sehnsucht das Ruder sicher führt.

Nun ruh' an meinem Herzen still,
sicher auf schwanker Wellen Flur,
ein Schlummerlied dir singen will,
rauschend die Wogen der Natur.
Küssend der Welle Nacken streift der Wind,
Liebchen, so lass die Wange mir,
und träume, dass dein Schifflein lind
ich durch das ganze Leben führ'.

Wie wiegt sich sanft der leichte Kahn,
Liebchen, mit deiner süßen Last,
als Muschel zieht er seine Bahn,
die einer Perle Kleinod fasst.
Ach, dass mein Arm die traute Schale war',
die dich umschlösse alle Zeit!
Mit meinem Ruder spielt das Meer,
Liebchen, mein Arm ist dir bereit!

Friedrich Silcher

Lied vom Meer

Uraltes Wehn vom Meer,
Meerwind bei Nacht:
du kommst zu keinem her;
wenn einer wacht,
so muß er sehn, wie er
dich übersteht:
uraltes Wehn vom Meer
welches weht
nur wie für Ur-Gestein,
lauter Raum
reißend von weit herein…

O wie fühlt dich ein
treibender Feigenbaum
oben im Mondschein.

Rainer Maria Rilke; Capri. Piccola Marina


 

 

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